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08.03.2005

Guten Abend, meine Damen und Herren

Wer wie ich stets mit einem lieben Lächeln durch die Großstadt läuft, wird nicht oft mit Geschirr beworfen. Kreuzte mal ein hysterisches Weib meinen Lebensweg, so schickte ich es spätestens nach 2 Jahren fort. Diese Angewohnheit war wohlig für meine Wangen, die in Folge dessen nur noch vor Aufregung oder Scham glühten, nicht aber in Folge peitschender Schläge sich hintergangen fühlender Mitmenschen. Doch auch in Beziehungen, die man eher mit dem schmusigen Verhältnis zwischen Letten und Esten als mit dem gespannten Verhältnis zwischen Indern und Pakistanis vergleichen sollte, ist Vorsicht geboten.

Letztens wurde mir ein Beziehungsvorwurf gemacht, der durchaus zu Besorgnis erregenden Spannungen hätte führen können: Ich erzähle – so der Vorwurf aus erzürntem Munde – zu häufig von Wilhelm Wieben, dem aschgrauen Sprecher der Tagesschau. Dies war mir nicht bewusst und ich stieß meinen Unglauben laut hinaus. Nach näherem Überlegungen musste ich jedoch einräumen, dass es da schon die ein oder andere Wilhelm-Wieben-Story meinerseits gab.

Und das ist es, was das menschliche Miteinander so einfach macht: Fehler eingestehen.

Ja, ich habe Wilhelm Wieben mal auf der Funkausstellung gesehen. Da habe ich übrigens auch Dietmar Mögenburg oder Carlo Thränhardt gesehen. Einer von den beiden.

Das waren in den 80ern die einzigen deutschen Hochspringer und beide sahen sie gleich aus. Der eine von denen war jetzt im RTL-Dschungel-Camp. Einer wohnte mal so lange mit Boris Becker zusammen, bis einige ältere Damen sich schon ihre Gedanken machten über den Stab der Stabhochspringer. Und einer dieser beiden malte mir schließlich auf der Funkausstellung einen Hochspringer in meinen zerfetzten Kalender, der für ein Autogramm eines Prominenten leicht underdressed war. Hätte ich denn auch vorher wissen können, dass zwischen einem hingeklierten Song-Text von Roxette und dem Eintrag „Zahnarzt“ mal Dietmar Mögenburg oder Carlo Tränhardt einen Hochspringer zeichnen wird? Das alles passierte auf der Funkausstellung, wo ich auch Wilhelm Wieben sah.

Es war im Studio der „Tagesschau“. Die Leute von der Technik erklärten bereitwillig, wie die Tagesschau gemacht wird. Thematisiert wurde auch die Blue-Screen-Technik, von der ich bereits wusste, seit ich in den Bavaria-Filmstudios in München erwachsene Menschen vor blauen Wänden umherspringen sah, während sie auf dem Monitor daneben durch Mecklenburg-Vorpommern zu hüpfen schienen.

Wilhelm Wieben saß vorne am Sprecherpult. Dies bestätigten auch die Monitore, die ihn live zeigten, wie er in seinen Blättern kramte. Doch plötzlich wurde ihm durch die Blue-Screen-Technik der Kopf abgerissen.

Um die Blue-Creen-Technik zu demonstrieren, verschwand der Taagesschau-Sprecher in einem blauen Sack.
Ich kann mir mit meinem heutigem Technik-Verständnis nicht so recht erklären, wie dies gemacht wurde. Eigentlich hätte man Wilhelm Wieben dazu einen blauen Sack über den Kopf stülpen müssen. Doch wenn ich mich recht erinnere, saß Wilhelm Wieben ohne blauen Sack am Sprecherpult. Ach halt: Es war anders. Man hüllte ihn in einen blauen Sack und ließ seinen Kopf oben herausluken. So schwebte sein Kopf frei im Bild herum und konnte beispielsweise auf die Körper von einzelnen Personen im Publikum gesetzt werden. Dazu wählte die Studiotechnik mich aus. So sah ich meinen Körper auf den Monitoren im Studio und oben drauf war der Kopf von Wilhelm Wieben. Mit meiner Neigung zum Slapstick schlug ich auf meinen Kopf. Auf den Monitoren bekam also Wilhelm Wieben voll einen auf den Latz. Das Publikum schmunzelte, der Kameramann schwenkte weg.

Diese Geschichte erzählte ich in meiner Beziehung sicher schon relativ früh. Es ist ja auch eines der tollsten Erlebnisse meines sonst eher grauen Daseins. Klar, dass man so was schnell bringt, vielleicht beim zweiten oder dritten Date. Hey, ich bin der Typ von der Funkausstellung, der mit dem Wilhelm Wieben – Kopf.

Aber nur durch diese reizende Erzählung wird man mir doch nicht den Vorwurf machen können, ich erzähle ständig und pausenlos von Wilhelm Wieben.

Nun gut. Eine Situation gibt es da schon noch: Herr Wieben, was man ihm gar nicht zutrauen mag, wirkt in zwei großartigen Popsongs mit.

In seiner Funktion als Tagesschausprecher wird seine Stimme in Falcos Skandalsong „Jeany“ sowie im für damalige Verhältnisse einfach nur anarchistisch zu nennenden Song „Okay“ von der Band „Okay“ verwendet.

Wenn man nun nach einem harten Tag abends mit ein paar Freunden beisammen sitzt und wieder mal zu doll durcheinander getrunken hat, dann kommt es vor, dass aus manchem Hals die Forderung nach Falcos „Jeany“ oder „Okay“ von „Okay“ kommt. Beides speit mein CD-Regal ohne Probleme aus und bei den Wilhelm Wieben – Stellen ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass ich allen verkünde, dass soeben Wilhelm Wieben gesprochen hat. Warum ich das immer sagen muss, ist einfach erklärt: Es ist pures Angeberwissen.

Der Wieben zum Schmusen. Für die Zeit zwischen 20:16 und 19:59...
Doch heute ist mir klar, welch Belastung mein ständiges Wilhelm-Wieben-Gelaber für meine Mitmenschen und insbesondere für meine Freundin dargestellt hat. Mein Gott – wir waren ja praktisch zu dritt! Es muss für meine Freundin gewesen sein, wie für Lady Di, die abends neben ihrem Prinz Charles im Bette lag und ihn unsicher fragte „Denkst du schon wieder an Camilla?“

So heißt es bei uns: „Woran denkst du?“ - „An Wilhelm Wieben, Schatz. Ich denke gerade an Wilhelm Wieben. Weißt Du – auf der Funkausstellung setzte man mir einmal seinen Kopf auf und ich schlug drauf.“

Bevor sie mich kennen lernte, kannte meine Freundin von Herrn Wieben übrigens noch nicht einmal den Namen. Für sie war er – so meine Freundin – immer nur der Nachrichtenmann mit den großen Zähnen und den gelben Haaren. Diese differenzierte Beschreibung fand ich ganz putzig und erinnerte mich an die Klassenfahrt in der 5. Klasse, während der ich Anika sagte, dass Daniel in sie verliebt wäre, worauf sie nur fragte „Ist das der mit den großen Zähnen?“ und verschwand. Was sagt man da dem Daniel dann über seine Chancen bei Frollein Anika?
 

Hope


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