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10.01.2005

Eine abgefahrene Meinung zu behördlichen Postwurfsendungen

Als ich letztens im vertrauten Kreise gestand, dass ich generell an mich adressierte Post nicht öffne, die in grünen oder grauen Briefumschlägen im Briefkasten liegt, wurde ich exzentrisch genannt. Das fand ich cool. Unter Exzentrikern habe ich mir bislang immer Menschen á la Marilyn Manson oder Boy George vorgestellt, die bei ihren Konzerten mit Kindersärgen auf lebende Küken einschlagen oder in ausladenden Damengarderoben vom Karma der Chamäleons singen.

Doch fein, gehöre ich nun also auch dazu zum erlauchten Kreis der Exzentriker, dann sind wir ja nun schon zu dritt. Der Marilyn, der Boy und ich. Das reicht sogar schon für eine Partie Exzentriker-Skat.

"Grand ohne drei, Spiel vier, Re fünf , Schneider sechs, Boy sieben. 168 Points für den exzentrischen Briten"
Nun verhält es sich aber nicht so, dass ich den Briefkasten öffne und die grauen und grünen Umschläge ungeöffnet, unter rollenden Augen und gleichzeitigem Küken Zertreten in den Müll werfe. Dass sich dies unvorteilhaft auf den Kontakt zu dem ein oder anderen Amt oder der ein oder andere Bank auswirken kann, ist mir schon bewusst, da fehlt es mir einfach an Exzentrik. Nein, ich öffne sie zwar nicht. Doch lasse ich öffnen und mir berichten, was drin steht.

Tja, da gähnen meine bizarren Mitspieler beim Exzentriker-Skat. Ich helfe Boy George noch in seinen affigen Mantel, befördere unter Zuhilfenahme eines Besens Herrn Manson von meinem Küchenschrank, auf dem er es sich nur mit einem Gürtel bekleidet bequem gemacht hat und bin wieder allein.

Es ist ja auch unvernünftig, nicht in Briefe hineinzugucken, bloß weil sie so hässlich aussehen. Nur ist es andererseits auch völlig egal, wer guckt, wenn denn gewährleistet ist, dass jemand guckt. Und solange ich nicht spüre, dass eine wirklich unangenehme Post zu erwarten ist, weil ich jüngst vielleicht unbekleidet eine Kindertagesstätte besuchte oder dabei erwischt wurde, wie ich vor dem Botschaftsgebäude eines souveränen Staates die Fahne mopste und mit dem Blut toter Küken beschmierte, solange eine Postwurfsendung, die derartiges von mir behauptet, nicht zu erwarten ist, weil ich den Schritt in ein solch tadelhaftes Verhalten noch nicht wagte, solange kann ruhig eine mir nahe stehende Person die Briefe für mich lesen und dann auf ihrem Arbeitsplatz erzählen, ihr Typ sei ja ein echter Exzentriker, dann haben wir wenigstens beide was davon.

Will ein Amt, dass ich die an mich adressierte Post persönlich lese, so reicht der unpersönliche Stempel mit der Aufschrift „persönlich“ lange nicht aus. Die Briefumschläge müssten zunächst einmal aus chlorgebleichtem Papier bestehen. Dann müssen sie handschriftlich beschrieben sein. Die Schrift sollte zudem jugendlich-frisch wirken, so etwa wie die Schrift auf der Seife „Dove“.
Ein so an mich adressierter Brief wird, das schwöre ich Stein auf Bein, von mir persönlich geöffnet, und lieb formuliert hätte sogar das Lesen eines Kontoauszuges oder Strafzettels seinen Reiz. Unter der Anklageschrift bezüglich eines Falschparkens, die ein Freund mal erhielt, stand die Grußformel geschrieben „Mit den vorzüglichsten Grüßen“, das fand ich supernett. Warum nicht immer so?

Am allerliebsten werden von mir und vermutlich auch dem Rest der Bevölkerung Päckchen geöffnet. Am besten sind auch hier wieder die farbenfrohen knallgelben. Weniger schön, aber immer noch besser als jeder Brief, sind die braunen, wabbeligen Päckchen. Ein Amt, das in regelmäßigem Austausch mit mir stehen will, schicke mir dennoch sein Anliegen bitte in Form eines knallgelben, formstabilen Päckchens.

Oh, es klingelt. Die Post? Ah nein, da stehen sie wieder, Herr Manson und Herr George. Ich bin ihnen nun wohl wieder exzentrisch genug. „Ihre Meinung zu behördlichen Postwurfsendungen ist durchaus abgefahren“, lobt Boy George.

Kontoauszüge - lieb verpackt.
Während wir nun wieder Exzentriker-Skat kloppen, berichte ich von Formularen, die ich in jüngster Zeit ausfüllen musste, obwohl mir selbiges zuwider ist, was man sich ja wohl denken kann, denn schließlich sind Formulare immer in den grauen oder grünen Umschlägen drin und somit zur unschönen Post zu rechnen.
Doch es führte kein Weg daran vorbei und was soll ich sagen? Die Formulare erwiesen sich als durchaus humoristisch: Ich schloss eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, da ich Lehrer werden will und daher plane, mit 45 psychisch krank zu sein, worauf ich mich jetzt schon diebisch freue, denn dann darf ich endlich rauf auf den Küchenschrank zu Marilyn Manson.

Diese Versicherung greife jedoch nicht, so das Formular, wenn ich mich bei nationalen Unruhen auf Seiten der Unruhestifter befinde. Dies finde ich sehr schade, denn ich plane in Zusammenhang mit meiner berufsbedingten psychischen Erkrankung ebenso das Initiieren einer bundesweiten Unruhe. Wo soll man denn auch bitte stehen als Exzentriker, der nur gebleichte Post oder knallgelbe Päckchen öffnet? Etwa auf Seiten des Gesetzes? Des Staates?

Nein. Solche Leute halten es gewöhnlich mit den Unruhestiftern, was dann paradoxer Weise nicht sonderlich staatsfeindlich wäre, sondern sogar im Sinne der Volkswirtschaft, denn meine Berufsunfähigkeitsversicherung kann ich in einem solchen Fall voll vergessen, sodass in Deutschlands Ämtern und Banken bald die Sektkorken knallen. Schön blöd, was ich als Staatsfeind da unterschrieben habe.


 

Hope


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