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03.12.2004

Dank Fahrrad besser dran als blöde Laufvögel

„Hurra, ein Headset!“
Mit diesem Schrei aus meinem freudig erregten Munde begannen im Jahr 2003 die Feierlichkeiten des Weihnachtsfestes und seitdem kann ich telefonieren und gleichzeitig die Arme schlackern lassen. Dies ist für mich eine neue Erfahrung, denn immer schon war ich ein wenig neidisch auf die Leute, die in der Lage waren, den Telefonhörer so zwischen Schlüsselbein und Wange zu fixieren, dass sie die Hände frei hatten.

Fairer Weise sollte aber dazu gesagt werden, dass die besagten Leute dann mit ihren freien Händen recht wenig anfangen konnten, weil sie mit dem Telefon eingeklemmt so schrecklich verkrampft dastanden und den Kopf ja auch so schief halten mussten. In einer solchen Haltung gestikulierte es sich nicht gut. Trotzdem fand ich damals diese Leute immer irgendwie „business“.

Selber glitt mir der Hörer beim Versuch, „business“ zu telefonieren immer aus der Hautklemme. Glitschig bin ich wie ein Frosch! Aber nun habe ich endlich ein Headset und kann seitdem telefonieren und Tango tanzen gleichzeitig. Ich könnte beispielsweise auf einem Tanzabend mit dem Frollein Schmidt tanzen und simultan mit dem Frollein Meier telefonieren, mich vielleicht für den nächsten Tanz verabreden. Diese neue Dimension der Taktlosigkeit verdankt unsere Generation allein der technischen Neuerung des Telefonierens ohne Einsatz von Extremitäten.

Bei mir in Moabit ist es übrigens wesentlich akzeptierter, mit dem Headset zu telefonieren als anderswo. In Moabit nämlich kennt man den Anblick von sinnlos vor sich hin brabbelnden Menschen schon geraume Ewigkeiten. Sollte irgendein tolldreister Hollywood-Regisseur mal auf die Idee kommen, einen Film über die unsichtbare Gegenwelt zu drehen, so sollte er seine Recherche am U-Bahnhof Hansaplatz beginnen, denn dort tummeln sich ganz besonders viele Menschen, die Zugang zur Gegenwelt haben und sich dort mit ihr unterhalten, was für die Mehrheit der Mitmenschen, die jene Gegenwelt eben nicht sehen kann, ganz schön irritierend ist, es sei denn, sie stammen selber aus Moabit. Dann kennt man die mit der Gegenwelt Sprechenden ja schon und kann durch betontes Normalfinden dieser brabbelnden Menschen vor Nicht-Moabitern angeben.

"Ja Schatz, es ist wahr. Ich stapel gerade große Pappkartons, während wir telefonieren."
Wenn es einen Punkt der Integration vom Diesseits mit dem Jenseits geben sollte, so ist dies der Hansaplatz in Moabit. Man baue ihn in Hollywood nach, dann muss Nicole Kidman, die weibliche Hauptrolle des Gegenwelt-Filmes, für die Dreharbeiten nicht hier her kommen und entgeht somit dem Supermarkt Bolle auf dem Hansaplatz, dem bolligsten Bolle Berlins.

Seit Weihnachten gehöre ich nun also dazu zu den Menschen, die hin und wieder auf offener Straße beim scheinbaren Selbstgespräch beobachtet werden. Meistens stehe ich irgendwo herum und schlackere mit den Armen, wenn ich telefoniere. Auch im Auto telefoniere ich neuerdings sehr gerne und sehr legal mit meinem Headset. Leider habe ich höchst selten ein Auto, denn ich lebe in einer innerfamiliären Fahrgemeinschaft und kann demzufolge nur an etwa 1 oder 2 Tagen pro Monat Auto fahren. Dies ist auch gar nicht schlimm, denn Bolle am Hansaplatz hat einen Kundenparkplatz der nicht größer sein kann als ein IKEA-Teppich.
Man müsste vor der Einfahrt zu diesem Nichts von Kundenparkplatz ein Schild aufhängen, auf welchem steht „Achtung, keine Wendemöglichkeit für Isettas und Mopeds“. Vielleicht hängt dort ja ein solches Schild, jedoch in der für mich unsichtbaren Gegenwelt. Ich müsste mal einen Gegenwelt-Seher fragen, ihn zum Kundenparkplatz führen und ihm befehlen, mir das Hinweisschild vorzulesen. Ich kann es nämlich nicht sehen.

Doch besteht die Möglichkeit zu beschleunigter Mobilität ja nicht nur durch den Gebrauch eines stinkenden und auf kleinen Kundenparkplätzen verkantet klemmenden Automobils, sondern auch durch die Benutzung eines wieselflinken Fahrrades. Ein solches kaufte ich mir im Sommer, denn Headsetbesitzer ohne Fahrrad sind nicht besser dran als diese blöden Laufvögel, die trotz Flügel nicht fliegen können. Wie dämlich muss man eigentlich sein...
Ein Headsetbesitzer braucht ein Fahrrad, und auf selbigen wird dann telefoniert auf Teufel komm raus, auch wenn dies nicht ganz mühelos ist. Das Hauptproblem beim Headset-Telefonieren auf dem Fahrrad sieht wie folgt aus:

Man hängt sich den Knopf ins Ohr und braust los. Hinein ins Berlin-Warschauer-Urstromtal! Huuiii, Gefälle von 10%, das schockt! Der kleine Knubbel, in den man zwecks Telefonat auf dem Fahrrad dann sprechen muss, flattert bereits lustig im Fahrtwind und befindet sich daher nicht mehr in Mundnähe, sonder eher zwischen Ohr und Nacken.

Um die Kommunikation zu wahren, muss der Kopf nun also zur Seite gedreht werden, damit man trotz Fahrtwind noch immer liebreizende Worte ins Headset säuseln kann. So wundert sich auf Berlins Straßen schon lange niemand mehr, wenn die Fahrradfahrer nicht mehr nach vorne, sondern stets zur Seite schauen.
Wenn Laufvögel über den Sinn ihrer Flügel nachdenken, kommt es vor, dass sie extrem dämlich aus der Wäsche schauen.


Sie telefonieren so im Sinne der Polizei und ei, da steht ja schon der Ordnungshüter und klatscht zufrieden mit seinem Knüppel in die starke Hand. Hier muss er wohl niemanden verdreschen, denn die Fahrradfahrer telefonieren alle mit dem Headset. Dies – das hat er in der Polizeischule gelernt – erkennt man spielend an der Kopfhaltung der Radfahrer. Wer zur Seite schaut, telefoniert legal. Guckt ein Radler nach vorne, so ist er unverzüglich anzuhalten und daraufhin zu untersuchen, ob er eventuell gerade ohne Headset telefoniert. Sollte sich herausstellen, dass der Radler gar nicht telefoniert, ist der Reifendruck, die Bremse und die Lichtanlage zu untersuchen. Wer weiß, vielleicht wird der Knüppel ja doch noch gebraucht...





 

Hope


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