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02.11.2004

Gutes und Schlechtes über den Herbst

Nüchtern betrachtet ist es ganz schön krass, was einem im Herbst so alles um die Ohren fliegt.
Faustgroße Kastanien regnen auf Mensch und Tier. Der Walnussbaum, der im Sommer manch Schatten spendete, schüttelt sich im Herbst wie toll und wirft alles von sich.
Die, die alt genug sind, berichten lautmalerisch von früheren Bombenangriffen, während sie im Kastanienregen stehen.
„Wie im Krieg“, heißt es aus diesem Mund, „Scheiß Herbst“, heißt es aus jenem Mund. Pardauz, Pardauz machen derweil die Kastanien lustig auf dem Kopf.

Sozialwissenschaftler sagen, dass die Rentner mittlerweile zu den wohlhabendsten Bevölkerungsschichten dieses Landes gehören. Nur rohe Mitbürger finden dies ungerecht. Sicher, Rentner haben nicht nur Geld, sondern auch unendlich viel Zeit. Aber dies ist nicht zu Ende gedacht, denn Rentner sind oft krank und sitzen deshalb so manchen Vormittag in Wartezimmern, in denen es nur Strickzeitschriften zu lesen gibt. Wenn sie dann endlich an der Reihe sind, wird ihnen mitgeteilt, dass ihre körperliche Verfassung für die geplante Narkose leider nicht mehr so hundertprozentig geeignet ist und die Magenspiegelung daher besser ohne Betäubung durchgeführt werden wird. Es gibt halt immer Dinge, die kann man nicht kaufen und hin und wieder, so hört man die Leute reden, sterben Rentner – einfach so und oft einsam.

So rufe ich also mal wieder zu mehr Toleranz auf. Ich habe schon dicke fette Tränensäcke im Gesicht hängen, weil mich nachts der Heiligenschein am Schlafen hindert, aber ich kann nicht anders, als zu sagen: Lasst den Rentnern um Himmels Willen ihr Geld und ihre Zeit. Denn: Die drei Kreuze der Rentner heißen „Kreuzworträtsel, Kreuzfahrt und Kreuzbandriss“. Sie beeinflussen sich dergestalt, dass Kreuzfahrten durchaus in der Lage sind, Kreuzbandrisse zu verhindern. Vor allem im Herbst ist das der Fall, wenn Fahrlehrer und Zivildienstleistende jeden Tag predigen, dass nasses Laub unglaublich rutschig ist. Kreuzfahrtschiffen ist Laub fremd, und so sitzen sie da auf der MS Deutschland, die lieben Rentner, lassen sich von Sascha Hehn Frozen Daiquiri servieren und lösen erfahren Schwedenrätsel.

Nein Mutter, ein Pferdchen!
„Geißel des Herbstes in den mittleren Breiten mit 4 Buchstaben?“, heißt es da auf Deck. „Laub“, brüllt die ganze Rentnerschar zurück. „Natürliches Fallobjekt zur Kontrollierung der Bevölkerungspyramide mit 8 Buchstaben?“ „Kastanie“ ruft das Deck und hebt die Daiquiris.

In der Grundschule daheim wird den kleinen Kindern währenddessen nur von den Vorzügen des hiesigen Herbstes berichtet. Es werden Herbstlieder gesungen und Kastanien gesammelt. Aus den Kastanien basteln die Kinder anschließend hässliche Konstruktionen. Aus Draht und 7 Kastanien werden beispielsweise Pferde gebaut: Eine Kastanie für den Pferde-Rumpf, eine für den Pferde-Kopf und vier für die Pferde-Beine. Aus der letzten Kastanie bastelt man den Schwanz.

Das Gesamtkunstwerk wird dann nach Hause geschleppt und stolz präsentiert: „Schau mal, Mutti, was ich gebastelt habe!“, heißt es aus munterem Kindermund. „Oh, eine Miniatur des Brüssler Atomium“, die Mutter greift bereits voller Stolz ins Portmonee, als das Kind sagt: „Nein, Mutter, ein Pferdchen!“

Unauffällig verschwindet das Portmonee wieder in der Handtasche. „Oh... ein Pferdchen! Schön!“ Die Mutter stellt das Gebilde aufs Fensterbrett und dort steht es dann, bis der Vater heimkommt, über seinen Chef meckert, das Bastelgut schließlich unsanft knetet und vor sich hinmurmelt: „Was ist denn das für ein Müll? Doch hoffentlich das Atomium in Brüssel und kein Pferdchen...“.
Besonders prekär ist der Herbst für Grundschullehrer von Schulklassen, in denen Eltern oder Großeltern von einem oder gar mehreren Schülern durch herabfallende Kastanien ums Leben kamen.

Denn: Pädagogisch unterste Schublade dürfte es sein, einen Achtjährigen mit genau dem Gegenstand in froher Bastelrunde zu konfrontieren, der die morsche Schädeldecke seiner Oma kürzlich durchschoss. Es ist ratsam – und ich glaube, dies wird bereits im Grundstudium der Lehramtsausbildung in hitzigen Seminarssitzungen gelehrt – es ist ratsam, vor der Unterrichtseinheit „Basteln mit Kastanien“ eine Kastanie hoch zu halten und die Klasse vorsichtig zu fragen, ob bislang alle Familienmitglieder gut durch den Herbst gekommen sind. Keine Tränen? Kein erblasster Schüler? „Gut, dann bauen wir jetzt ein Kastanien-Pferdchen.“ Falls ein Schüler fragen sollte: „Darf ich auch ein Kastanien-Rennauto bauen“ und ein anderer Schüler lieber einen Kastanien-Brad-Pitt oder einen Kastanien-Friedrich-Merz bauen will... Nur zu! Am Ende sieht sowieso alles aus wie das Atomium in Brüssel.

Das Regal ist von IKEA, das Radler von ALDI und der Typ links ist voll von der Rolle.
Ich glaube, einen Friedrich Merz kann man gar nicht aus Kastanien bauen. Da müsste man dann schon noch eine Sprechblase auf den Kastanienkopf kleben, die sagt „Hallo, ich bin Friedrich Merz“. Dies würde der Lehrer wahrscheinlich als politischen Zynismus werten. Zwar landet der Kastanien-Friedrich-Merz neben all den anderen feinen Kastanien-Männchen trotzdem in der Glasvitrine gleich neben dem Lehrerzimmer, aber sicherheitshalber fährt ein großer schwarzer Mercedes aus Pullach schon mal vor die Haustür der Eltern.

„Scheiß BND“, maunzt der Vater, der vorsichtig den Vorhang beiseite schiebt, „ich werde den Typen gleich mal richtig zusammenmaunzen.“ – „Nein“, brüllt da die Frau, „maunze nicht, sondern scheiß ihn richtig zusammen. Maunzen hilft beim BND meist nicht. Glaube mir, Schatz.“

Da klingelt auch schon das Telefon. Eine eisige Stimme sagt, der Mann solle mit seinem Gemaunze ja aufpassen, Gemaunze dieser Art höre man gar nicht gern beim BND und überhaupt, was der Sohn da aus den Kastanien geformt hat, ist eine Beleidigung Herrn Friedrich Merz gegenüber.

Doch die Familie eint das gegenseitige Vertrauen. So legt die tadellos frisierte Mutter den Telefonhörer auf die Gabel, von links kommt der spitzbübisch dreinblickende Sohn heran, von rechts naht auch schon der Gatte, und so stehen die drei Arm in Arm und werden im Kampf gegen den Bundesnachrichtendienst nicht aufgeben. „Ich mach uns jetzt eine Knorr-Suppe“, sagt die Mutter strahlend, „und dann sehen wir gemeinsam die Lottozahlen, während ich Euch eine Postkarte von Omas Kreuzfahrt herumreiche.“ Auch das ist der Herbst.



 

Hope


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